Auf dem Freimarkt ist Erzählung angesagt

19.10.2018
Ein „Knutschkarussell“: Peter Buchholz steht an seiner „Raupenbahn“ und zieht an der Stoffdecke, die sich zum Fahrtende über die Gondeln legt.
Ein „Knutschkarussell“: Peter Buchholz steht an seiner „Raupenbahn“ und zieht an der Stoffdecke, die sich zum Fahrtende über die Gondeln legt.
 © Kowalewski

Bremen - Von Martin Kowalewski. Nichts wirkt erschreckender als der lebendige Mensch – vor allem, wenn er während der Fahrt aus dem Dunkeln hinten auf die Geisterbahn-Gondel springt und kreischt. Mit Kutte, bleich-blutigem Gesicht und zudem einer Messer-Attrappe in der Hand. Die „Geisterstadt“ setzt auf lebendige Erschrecker. Ein echter Geheimtipp des 983. Bremer Freimarkts, der am Freitag um 16 Uhr auf der Bürgerweide öffnete. 320 Schausteller sind dabei.

Die „Geisterstadt“ ist das erste Mal in Bremen und tourt in ihrer siebten Saison. Betreiber Hermann Fellerhoff flog in die USA, um sie mit Figuren zu bestücken, die die lebendigen Erschrecker ergänzen. Die Figuren aus Los Angeles sind schnell, kommen aus dem Verborgenen und sausen oft auf die Fahrgäste zu. Aus einem Spiegel mit einer Animation bläst den Fahrgästen ein kalter Wind entgegen. „Deutsche Figuren sind langsamer in den Bewegungen. Die sind schön anzugucken, aber zum Erschrecken sind die amerikanischen besser“, sagt Fellerhoff.

Erzählung ist angesagt auf dem Freimarkt. So nennt sich ein Kettenkarussell mit einer Höhe von 80 Metern „Jules-Verne-Tower“. Die Verkleidung unten zeigt Menschen, die mit traditionellem Werkzeug Technik entstehen lassen. „80 Meter passen zum Thema ,In 80 Tagen um die Welt‘“, sagt Marlis Löwenthal (63), die lange mit der Wasserbahn auf dem Markt war und nun als Rentnerin ihrem Schwiegersohn beim Betrieb des Karussells hilft. Die Gondeln kreisen mit bis zu 65 Kilometern pro Stunde.

Gar nicht mehr so groß sieht der Bahnhof aus 80 Metern Höhe aus. Der Zugverkehr ist gut zu erkennen. Die Achterbahn sieht aus der Vogelperspektive ebenfalls ungewohnt aus. Auch blickt man auf das große Riesenrad hinab. Von der Stadt ist viel zu sehen. Der Blick auf den Fernsehturm sehr gut. Die Fahrt ist die fünf Euro (vier Euro bei Personen unter 1,40 Meter) auf jeden Fall wert.

Menschen als lebendige Schockwerkzeuge in der „Geisterstadt“ – ein Erschrecker von der Geisterbahn.
 © Kowalewski

„Jekyll & Hyde – Die Verwandlung“ zeigt Wirkung, so Betreiber Bethel Thelen (38). „Es werden Menschen verwandelt, schlechtgelaunte in gutgelaunte. Manchmal wandelt sich auch die Gesichtsfarbe.“ Zwei Gondeln mit je vier Sitzen sausen mit bis zu 130 Kilometern pro Stunde in eine Höhe von 42 Metern. Der Druck von vier Erdatmosphären entspricht dem Druck bei einem Raketenstart. Das kribbelt mächtig im Bauch.

„Dr. Archibald – Master of Time“ lädt in eine virtuelle Welt ein. Die Story: Dr. Archibald, seit einer Zeitreise vermisst, wird gesucht. Mit VR-Animationsbrille wartet der Fahrgast in einer Abfahrthalle. Dampf steigt auf.

Keiner ist so teuer wie „Dr. Archibald“

Die Fahrt führt durch ein Tor mit Zeigern und einer wabernden Oberfläche. In der Welt der Dinosaurier ist Dr. Archibald nicht zu finden, auch nicht in einer bunten Unterwasserwelt mit Seeungeheuer. Sicher ein Tipp für Animationsfans, aber mit 7,50 Euro auch das teuerste Fahrgeschäft auf der Bürgerweide.

Nur drei Euro kostet die Fahrt mit der 1926 gebauten „Raupenbahn“. Sie erinnert an den „Musik-Express“, ist aber sanfter. Zum Schluss entfaltet sich eine Stoffdecke über den Gondeln. Von innen scheint man durch einen Tunnel zu fahren. Von außen sind die Fahrgäste nicht mehr zu sehen.

„Das ist auch ein ,Knutschkarussell‘“, sagt Peter Buchholz (56), der es in vierter Generation betreibt. Schon einige Ehen seien in dem Karussell auf den Weg gekommen.

„Euro Coaster“ trotz Lkw-Brand

Die Achterbahn „Euro Coaster“ hat es trotz eines Lastwagenbrandes noch auf den Freimarkt geschafft. Die Gondeln hängen unter der Schiene. Die Fahrt erinnert mit ihren Kurven an die „Wilde Maus“. Die Gondeln schwingen aber zur Seite aus und schaukeln vorwärts und rückwärts.

Der 983. Bremer Freimarkt dauert bis zum 4. November. Öffnungszeiten: täglich 13 bis 23 Uhr; freitags und sonnabends bis 24 Uhr. Dienstag, 30. Oktober, ebenfalls bis 24 Uhr.